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Ratgeber

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Rezension von Prof. Dr. Richard Günder

Erschienen in "Unsere Jugend", Reinhardt Verlag, München
Rhein, Volker (Hrsg.), 2009: Moderne Heimerziehung heute. Beispiele aus der Praxis.
Herne: Frisch-Texte-Verlag, 202 Seiten, € 24,80
 
Das vorliegende Buch wurde herausgegeben vom Geschäftsführer einer Jugendhilfeeinrichtung in kirchlicher Trägerschaft. Die Institution verfügt über ein sehr differenziertes Angebot stationärer Erziehungshilfen.
Den größten Teil des Praxisbandes nimmt die Abhandlung von Sara Anna Wirbals über „Die systemische Interaktionstherapie im Kontext der Heimerziehung“ ein. Diese basiert auf strukturierten methodischen Ansätzen systemischer Vorgehensweisen und wird als neues Konzept der Elternaktivierung innerhalb der Heimerziehung verstanden. „Natürliche“ Familienverhältnisse und Rollen werden akzeptiert, um mit professioneller Unterstützung diese zu entwickeln und zu festigen. Zielsetzung ist eine adäquate Ausübung der erzieherischen Elternfunktion. Als Leitidee gilt, Eltern unbedingt wertzuschätzen, denn sie sind die Experten für ihre Kinder. Unter Beachtung der individuellen Interaktions- und Beziehungsmuster werden gemeinsam problemorientierte Lösungen erarbeitet. „Als grundlegend gilt dabei, dass die Erziehungsziele für alle Beteiligten stets explizierbar und bewusst sind, damit die erzieherischen Angebote und Leistungen zielorientiert erfolgen und sich im Ganzen als sinnvoller erzieherischer Prozess erweisen“ (S.120).
 
Kersten Tübing beschreibt in zwei unterschiedlichen Beiträgen die Möglichkeiten des motopädagogischen Arbeitens im Rahmen einer individualpädagogischen Krisensituation und stellt Beispiele erlebnispädagogischer, handlungsorientierter Trainingsmaßnahmen vor. Die Verfasserin legt dar, dass motopädagogische Ansätze sich als individualpädagogische Krisenintervention innerhalb der stationären Erziehungshilfe eignen. In Verbindung mit verhaltenstherapeutischen Programmen wird „Bewegtsein“ als grundlegender Bestandteil des Wohngruppenalltags angesehen. Die neuen körperlichen Erfahrungen lösen oftmals veränderte, positiv zu bewertende Einstellungen auf Körper und Psyche aus.
 
Alexandra Leu setzt sich mit Aspekten psychomotorischer Förderungen junger Frauen mit Essstörungen auseinander. Innerhalb des Intensivangebots „Via Annie“ wird die psychomotorische Förderung essgestörter junger Frauen als sinnvolle Praxis einer individuell ausgerichteten Körper- und Entspannungspädagogik aufgezeigt.
 
Norbert Meller und Martin Klafke stellen ihr Konzept zur Gewaltprävention in einer stationären Einrichtung der Erziehungshilfe vor. Das H.E.A.R.T.- Konzept (Holistic & Educational Anger Response Training) richtet sich an gewalttätige und schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche. Auf der Grundlage taoistischer Philosophie wurde ein ganzheitlich erzieherisches Intensivprogramm entwickelt, welches sich auf Trainingsmaßnahmen der Kampfkunst zentriert. Das Kampfkunsttraining verfolgt die Zielsetzung einer Selbstregulationstherapie „mit folgenden inhaltlichen Anforderungen:
  • Arbeit an den Quellen, d. h. traumapädagogische Lebensbewältigung,
  • Umwandlung der inneren Anspannung in Entspannung,
  • Umlenkung negativ aggressiver Entladung in positive Energie,
  • Entwicklung eines positiven und leistungsbereiten Selbstbildes,
  • eingebettet in ein lebenspraktisches, philosophisch orientiertes Weltbild, geprägt von Respekt und Würde im Umgang miteinander und mit der Natur“ (S.171).
Schon bald nach Beginn der Trainingsmaßnahmen zeigen sich bei den jungen Menschen positive Veränderungen hinsichtlich ihrer sozialen Kompetenz.
 
Heimerziehung bewegt sich schon längst nicht mehr überwiegend im traditionellen, scheinbar bewährten Rahmen. Heimerziehung ist heute sehr differenziert und immer mehr auf die „Kunden“ ausgerichtet. Die in diesem Buch von PraktikerInnen vorgestellten neuen Konzepte sind hoch innovativ und damit überaus instruktiv. Theoretische Bezüge und konkrete Praxisbeispiele verdeutlichen jeweils die neuen pädagogischen Vorgehensweisen. Das Buch macht zudem Mut, denn es wird unter Beweis gestellt, wie mit Engagement und Zielstrebigkeit die Praxis der stationären Erziehungshilfe auch schwierigsten Anforderungen gerecht werden kann.
 
Prof. Dr. Richard Günder
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